Barbara Munz
Versteig ich mich nicht gerade? Nein, heute nicht. Ich blicke durch eine Brille, die mir wunderbar die Ecken und Kanten dieses Landes und ebenso die meinen und die meiner Erfahrungen abrundet, glättet, schönt und ins beste Licht rückt. Und soll ich denn jetzt wirklich schon gehen? Jetzt wo es ach so schön ist…? Ich verdrücke ein paar Tränen, zahle und gehe zur Wohnung zurück um meine Koffer zu fassen, um abzuschliessen.
Nun packe ich mich in ein Taxi, letzte Fahrt der Ausfallstrasse entlang zum Flughafen, einen Weg, den ich kenne, unabdingbarer Zugang nach Tirana und damit ins ganze Land. Keine schöne Fahrt, Industrie, Geschäfte, Handel, Business. Und doch ist diese Strasse zu einem Gradmesser geworden, denn in diesen Jahren Albanienerfahrung hat sich hier so mega viel verändert. Erst mal vergrössert, fertig gestellt, nachgerüstet. Neue Strasse, neue Bauten, grösser, breiter. Einfach mehr.
Ich bin, obschon jetzt hoch in der Luft, immer noch in Albanien. Herrgott, ich werde es nicht los. Nein, ich werde es nicht los. Noch habe ich nachzufassen, nachzudenken, nachzuerleben. Meine nächsten Tage werden erfüllt sein mit Wiedergeben, mit Erinnern, mit dem Versuch, alles festzuhalten, was ich erlebt habe. „Möchtest du hier wohnen wollen?“ fragtest du mich. „Nein, Loreta, nein. Ich bin vielleicht gerade wie ihr tief drinnen eine Landsmännin meines Landes, wie ihr es wohl auch seid und bleibt. Ich habe keine Not, einen bessern Platz zu suchen wie viele von euch. Und meine Begeisterung für Albanien würde nicht reichen, um hier Fuss zu fassen. Heute so oder so nicht mehr, vielleicht früher einmal, als junge Frau – ich weiss es nicht. Ich würde auch hier bei euch nichts vermissen, Perfektion und Sauberkeit und funktionierendes Staats- und Sozialwesen zum Trotz, würde sogar Dinge finden, die es bei uns nicht gibt, schönes warmes Wetter, ausgezeichnete Früchte und Gemüse, Vorwärtsstreben und Zukunftsglauben. Ich würde mich passend bewegen können hier, so denke ich zumindest, und doch würde ich nicht zu Hause sein. Mein Wesen ist schweizerisch und meine soziale Heimat ist und bleibt die Schweiz. Wäre ich hier geboren, wäre ich wohl auch im tiefsten Herzen eine Albanerin – gebunden, verankert, verpflichtet.“ Nein, Albanien ist kein zu Hause für mich, aber Heimat für Wagnis, fürs Ausprobieren und für das Auch-noch-Mögliche.
Oder auf Albanisch: Plotë jetë, voll Leben.