Der Bruch der bewohnten Erde

by | 29.12.25 | Darëzezë, Gesellschaft, ökologie, Wirtschaft

(von Khayim Illia, November 2025)


1. Die Erde als Erinnerung

Im Albanischen bedeutet toka zugleich Erde, Boden, Heimat, bewohnte Welt und gelobtes Land. Es ist ein Wort der Ganzheit: Es trennt die Materie nicht vom Sinn. Die Erde zu bewohnen heisst, der Erinnerung anzugehören. Bevor Eigentum sie zur Ware machte, war die Erde Beziehung. Sie wurde geteilt, durchquert, gemeinsam bearbeitet. Jeder Baum, jeder Stein hatte seinen Platz in der gemeinsamen Erzählung. Die Erde zu verlieren bedeutete, die Welt zu verlieren. Die Moderne, die den Menschen von dieser Zugehörigkeit befreien wollte, vollzog eine Verschiebung: Sie verwandelte die gemeinsame Erde — gemeinschaftlichen Boden — in eine Marktware. Was einst mit einem Segen weitergegeben wurde, wird heute per Vertrag verkauft. Die neuen Schilder mit der Aufschrift „Privatbesitz“ verkünden keinen Wohlstand, sondern einen stillen Riss: Der Boden wird zur Fläche, die Landschaft zur Kulisse, die Erinnerung zum Baugrund.


2. Das versetzte Dorf

Darëzezë e Re, was „das neue Darëzezë“ bedeutet, trägt die Wunde der Umsiedlung bereits im Namen. Das alte Dorf, das durch die Erdbeben der späten 1980er-Jahre zerstört wurde, liegt heute unter den Wassern eines Stausees. Die umgesiedelten Familien leben nun nahe am Meer — ohne es jemals wirklich zu bewohnen. Von den Häusern aus ist das Meer nicht sichtbar; manchmal, wenn der Wind aufkommt, ist es zu hören. Hier ist das Meer ein fehlender Horizont. Es verspricht, aber es nährt nicht. Olivenbäume und Orangen stehen auf sandigem Boden, die Felder schrumpfen, die jungen Menschen gehen fort. Diese Stille des Dorfes ist nicht die einer unberührten Natur: Es ist die Stille einer Welt, die wartet. Und doch bleibt inmitten dieser sichtbaren Trostlosigkeit etwas erhalten: die Fähigkeit auszuhalten, zu überleben — über und jenseits des blossen Lebens zu leben. Die Bewohner wissen zu reparieren, wiederzuverwenden, sich anzupassen. Sie begnügen sich mit dem, was sie haben — lösen Probleme mit dem, was vorhanden ist, ohne über das Fehlende zu klagen. Sie leben in einem fragilen Gleichgewicht, doch dieses Gleichgewicht birgt eine Weisheit: nicht mehr zu verlangen, als die Erde geben kann.


3. Das verheissene Meer

In den letzten Jahren ist die Küste südlich des Dorfes zum Gegenstand grosser Entwicklungsprojekte geworden: neue Strassen, touristische Zonen, städtebauliche Pläne. Diese Visionen einer glänzenden Zukunft folgen einander im Takt der Wahlkampagnen. Man spricht von Modernität, Investitionen, Wachstum. Doch vor Ort fehlt Trinkwasser, die Stromversorgung ist unterbrochen, und das Meer bleibt ein Flüstern jenseits der Dünen. Zwischen Berg und Meer trägt die albanische Erde eine uralte Spannung in sich: die von Schöpfung und Übergang. Dieses Volk ist zugleich bergbewohnend und seefahrend, sesshaft und wandernd. Sein natürliches Gleichgewicht liegt weder in Erstarrung noch in Flucht, sondern im Kreislauf — in der Treue zur Bewegung. Genau diese Bewegung jedoch hat die Moderne eingefroren. Die Küste zur touristischen Schaufensterlandschaft zu machen heisst zu vergessen, dass das Territorium keine Bühne, sondern ein Atem ist. Die Erde muss nicht „entwickelt“ werden, um lebendig zu sein: Sie ist es bereits, solange der Mensch sie mit Mass und Sorgfalt bewohnt.


Darëzezë e Re — Zwischen Erinnerung und touristischer Verheissung

Über Jahre hinweg war von einem kleinen Hotelkomplex südlich des Dorfes die Rede. Was heute, kurz vor Wahlen, wieder auftaucht, übersteigt jede Vorstellung: Gemeint ist eine umfassende Umgestaltung der Küste — ein touristischer Park für Zehntausende von Besuchern, mit internationalen Hotels, Hunderten von Villen und Gebäuden sowie Freizeit-Parks. In der offiziellen Sprache heisst dies „radikale Transformation“. Vor Ort zeigen sich frische Spuren in den Pinien, Bulldozerspuren und gefällte Bäume. Gesellschaftlich ist das Projekt bereits problematisch. Die Bewohner von Darëzezë e Re und der Nachbargemeinden wurden nicht befragt: Die Grundstücksstatus wurden in den Bebauungsplänen geändert, Parzellen werden verkauft, und der Staat — der Hauptbesitzer der Küste — schreitet mit blinder Geschwindigkeit voran. Das Versprechen von Arbeit und Wohlstand steht neben der realen Gefahr der Enteignung: stille Verdrängung der Bevölkerung, steigende Bodenpreise, eine saisonale Wirtschaft, die Investoren und Bauträger begünstigt, zum Nachteil des lokalen Lebens. Ökologisch ist die Bedrohung unmittelbar. Küste, Pinien, Dünen und Lagunen — Orte der Begegnung, der Erinnerung und des Schattens — werden als blosse „Flächen“ behandelt, die eingeebnet werden sollen. Die ersten Fahrspuren der Maschinen zeigen eine Nutzungslogik, in der die Natur zur Kulisse und Ressource wird, nicht zur Mitbewohnerin. Gleichzeitig sind Wasser und Energie — unerlässlich für intensiven Tourismus — nicht in einem dem Projekt angemessenen Umfang geplant: Die bestehende Infrastruktur ist schwach, und jede zusätzliche Belastung führt zu Knappheit und Verschmutzung. Wirtschaftlich erscheint die Strategie angesichts europäischer Trends verfehlt: sinkende Kaufkraft, instabile Touristenströme, regionale Konkurrenz. Die Wette auf einen grossen Boom wirkt spekulativ — während die Schäden an der Landschaft sichtbar und unmittelbar sind. Es bleibt ein anderer Weg: jede Intervention auf eine verwurzelte Entwicklung auszurichten — kleine gemeinschaftliche Strukturen, agro-ökologischer Tourismus, gemeinsame Bewirtschaftung der Böden, strenger Schutz der Küstenökosysteme — damit die „Verheissung“ zu einem gemeinsamen Gut wird und nicht zu einer Entäusserung. Ohne echte Konsultation und ohne Garantien für Wasser, Energie, Zugang zum Land sowie den Schutz von Dünen, Lagunen und Pinienwäldern droht Darëzezë e Re einem Modernitätsversprechen geopfert zu werden, das mehr nimmt, als es gibt.


4. Das gelebte Territorium

Ein Territorium ist nicht bloss ein geografischer Raum: Es ist ein Geflecht aus Erinnerungen, Echos und Gesten. In jedem Dorf, in jedem Obstgarten organisiert sich das Leben noch immer um ein ungeschriebenes Wissen: wie man Wasser teilt, wie man das Licht bewahrt, wie man der Toten gedenkt. Es sind ökologische Praktiken, lange bevor es das Wort gab — nicht aus Tugend, sondern aus Notwendigkeit. Heute ist dieses Wissen nicht nur durch Maschinen und Projekte bedroht, sondern auch durch das Vergessen. Die junge Generation kennt die digitale Geografie besser als den Boden unter ihren Füssen. Sie spricht die Sprache der Welt, verliert aber die Worte des Windes und des Regens. Die Trennung ist nicht nur physisch — sie ist imaginär. Sie löscht die Fähigkeit aus, die Erde als gegenwärtig zu empfinden, selbst wenn man auf ihr steht. Und doch bewahren Orte die Erinnerung. Selbst verlassen, atmen sie weiter durch Bäume, Kanäle und Pfade. Das gelebte Territorium wartet einfach — es wartet darauf, erneut entdeckt zu werden.